Sprechende Steine

Allein aufgrund des Alters genoss Idaira hohes Ansehen in ihrem Dorf. Die Menschen schätzten nicht nur ihr Wissen und ihre Erfahrung als Heilerin, sondern sie suchten auch ihren Rat als Seherin. Ihre Weisheit und das geheime Wissen verdankte Idaira ihren Ahnen und sie war sehr darauf bedacht, dieses Erbe zu bewahren und an künftige Generationen weiterzugeben.
Das Volk der Guanchen kannte weder Papier noch Bücher, um ihr Wissen niederzuschreiben. Ihre Bücher bestanden aus Stein, in den sie heilige Zeichen ritzten, hauptsächlich Spiralformen und konzentrische Kreise. Ganze Felswände hatten sich so im Laufe von Jahrhunderten in kunstvolle Bildgalerien verwandelt.
Idaira konnte all die geheimnisvollen Schriftzeichen und Symbole an den Felswänden, die teilweise noch bis heute erhalten sind, lesen, wie Geschichten in einem Buch. Sie achtete die besondere Bedeutung der Steine, die wie Erinnerungen waren. In den Steinen stand nicht nur die Geschichte ihrer Ahnen geschrieben, sondern sie erzählten auch von der Entstehung der Erde und der Erschaffung der Insel Benahoare, so hieß die Insel in der Sprache der Guanchen. Die Steine bewahrten Vergangenes vor dem Vergessen und wiesen zugleich in die Zukunft. In der Stille begannen sie zu sprechen und Idaira lauschte ihnen, so wie sie der Stimme des Windes lauschte und den Rufen der Tiere. Ebenso beobachtete sie auch den Himmel, den Stand der Sterne und den Lauf der Sonne und des Mondes, um Antworten auf all die Fragen des Lebens zu erhalten.
Idairas Schicksal war es, in einer Zeit des Umbruchs zu leben. Sie wusste, dass das Leben, genau wie die Natur, Veränderungen und Wandlugen unterworfen ist. Das einzig konstante ist der ewig währende Wechsel von Vergehen und Wiederkehr, der im Rhythmus der Jahreszeiten seinen unmittelbaren Ausdruck findet. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert auch ein Menschenleben. Alles Leben ist vergänglich und die größte Veränderung bedeutet den Übergang vom Leben in den Tod. Bei den Guanchen bedeutete der Tod jedoch nicht das Ende, sondern er markierte nur den Übergang zu einem Leben auf einer höheren Ebene, nämlich wenn der menschliche Geist in die Ewigkeit einging. Vor diesem Hintergrund verstanden die Guanchen das Dasein und Wirken als ständige Herausforderung, jeder Augenblick konnte eine Prüfung darstellen, die Kraft und Klarheit für den Übergang ins wirkliche Leben zu finden und auf einer höheren Ebene weiser und umsichtiger zu handeln.
Der größte Lehrmeister ist die Natur selbst, die durch das Zusammenspiel der Kräfte deutlich macht, dass der Mensch ein Teil des Ganzen ist und je besser er sich einfügt, desto weniger bringt er das Gleichgewicht ins Wanken. Jedes Kind lernte von Klein auf die Achtung vor der Natur, denn sie bestimmte den Lebensrhythmus der Menschen, ernährte und kleidete sie, bot ihnen Schutz konnte aber auch Gefahr bedeuten besonders für denjenigen, der die Sprache der Natur nicht verstand.
Idaira achtete sehr auf die Einhaltung dieser uralten und bewährten Gesetze. Aber ihr Mut und ihre Überzeugungskraft wurden auf eine harte Probe gestellt, denn die Einheit des Volkes von Benahoare wurde von außen bedroht. Die Spanier belagerten bereits seit Wochen die Küste der Insel und Idaira wusste, dass sie nichts Gutes im Sinne hatten. Viele im Dorf teilten ihre Sorgen, doch es gab auch einige, die sie für übertrieben hielten. Darunter auch Tedot, ein mutiger Krieger und Späher, aber auch ein aufbrausender Mann, der sich gern in den Vordergrund spielte. Idaira war wesentlich älter als er, daher achtete er sie nach außen hin, aber innerlich lehnte er sich immer häufiger gegen ihre Ansichten und Warnungen auf.

Es hatte bereits Kämpfe einzelner Stämme der Guanchen gegen die Spanier gegeben, die auf beiden Seiten Verletzte und sogar Tote gefordert hatten. Grundsätzlich waren sich die Häuptlinge der zwölf Stämme der Guanchen einig, ihre Insel Benahoare gegen Eindringlinge von außen zu verteidigen. Sie hatten vom Schicksal der Nachbarinsel Gran Canaria gehört. Dort hatte ein gewisser General Alonso Fernández de Lugo mit seinem Heer im Namen der spanischen Krone die Guanchen unterworfen und ihren Widerstandswillen gebrochen. Benahoare und Teneriffa waren die letzten freien Kanaren-Inseln, die den spanischen Eroberern erbitterten Widerstand leisteten.
Idaira hatte geschworen, sich niemals der Macht eines fremden Herrschers zu beugen. Allerdings war auch schon zu ihr vorgedrungen, dass vereinzelt Mitglieder anderer Stämme zu den Spaniern übergelaufen waren oder zumindest bereit waren, mit ihnen zu verhandeln. Idaira ahnte, dass es nicht um gleichberechtigte Verhandlungen ging und sie fürchtete um die Zukunft ihres Volkes.
Sooft es Idaira möglich war, zog sie sich allein in die Stille des Lorbeerwaldes bei La Zarza zurück. Dort war sie den Seelen ihrer Ahnen besonders nahe und bat um Kraft und Beistand. Besonders liebte sie die mächtigen Felsbrocken, die im Lorbeerwald verstreut lagen, als hätte ein Riese sie vor langer Zeit hier fallen lassen. Sie ließen ahnen, mit welcher Macht hier einst gewaltige Wassermassen das Flussbett im Zentrum des Lorbeerwaldes geschaffen hatten. Das Wasser, das überall aus Felsspalten hervorquoll, symbolisierte das ewige Leben, Kraft und Energie, es hörte nie auf zu fließen. Ebenso wie der Geist ihres Volkes nie aufhören würde zu wirken.
Idaira sammelte Farnwurzeln, die sie später zu Wurzelmehl und dann zu Brot verarbeiten würde. Während sie Wurzeln sammelte, verlor sie jedes Gefühl für Zeit. Ihre Sinne konzentrierten sich allein auf die Tätigkeit ihrer Hände. Endlich war ihr Beutel prall gefüllt. Sie bedankte sich bei den Farnwesen des Waldes für die Nahrung und wollte den Heimweg antreten. Doch da bemerkte sie, dass sie nicht allein war. Sie band sich den Beutel mit den Wurzeln um, bückte sich und hob möglichst unauffällig einen Stein auf, den sie ohne Zögern gegen jeden ungebetenen Eindringling oder Fremden schleudern würde, falls es notwendig sein würde. Langsam schritt sie durch den Lorbeerwald, der Stein lag in ihrer rechten Hand gleich einem Wurfgeschoss. Sie spürte, dass sie beobachtet wurde. In einer blitzschnellen Bewegung warf sie den Stein mit aller Kraft in einen Wall aus mannshohen Farngewächsen und nahm sofort einen neuen Stein auf.
„Aua!“, schrie jemand empört. „Willst du mich töten?“
„Wenn es sein muss, ja“, rief Idaira.
Und dann sah sie, wie Tedot aus dem Gestrüpp hervortaumelte. Er hielt sich den Kopf. Zwischen seinen Fingern quoll ein wenig Blut hervor. „Verflucht, an dir ist eine Kriegerin verloren gegangen“, sagte er.
„Meine Arbeit ist das Heilen und Bewahren und nicht das Töten“, erwiderte Idaira stolz.
„Ach ja? Du hättest mich beinahe erschlagen, wenn ich mich nicht rechtzeitig geduckt hätte.“
„Warum versteckst Du Dich? Lauerst du mir etwa auf?“, fragte Idaira.
„Ich will mit dir reden.“
„Reden? Das können wir genauso gut im Dorf. Warum verfolgst du mich bis hierher in den Lorbeerwald?“ Idaira verbarg den Stein in ihrer Hand, so dass Tedot ihn nicht sehen konnte. Sie schaute ihm in die Augen.
Sofort wandte Tedot sich ab, als ertrage er ihren Blick nicht. Er wusste, dass Idaira das zweite Gesicht hatte und Gedanken lesen konnte. Verzweifelt versuchte er genau jenen verräterischen Gedanken aus seinem Herzen zu verbannen, nämlich dass er Idaira am liebsten auf der Stelle töten würde, denn er war überzeugt davon, dass sie es war, die einer neuen Zeit im Wege stand.
„Ich wollte ungestört mit dir reden“, sagte er in übertrieben sanftem Tonfall. „Du hast großen Einfluss auf unseren Häuptling, du bist seine Beraterin. Nur du kannst ihn überzeugen, denn dir vertraut er.“
„Wovon soll ich ihn überzeugen?“, fragte Idaira so gleichgültig wie möglich, obwohl sie es längst wusste und große Mühen hatte, ihren Zorn und ihre Verachtung zu beherrschen.
„Bitte ihn, mit den Spaniern zu verhandeln. Für uns wird sich nichts ändern, das haben sie versprochen. Wir können genauso leben wie bisher, uns wird es sogar noch besser gehen. Hast du ihre Waffen gesehen? Sie glänzen in der Sonne und können Feuer spucken. Wenn wir erst einmal solche Waffen haben, dann können wir viel mehr und besser jagen! Und hast du ihre Schiffe gesehen? Wenn wir solche Schiffe haben, dann können wir auf das Meer hinausfahren und noch mehr Fische fangen oder sogar die Welt entdecken.“ Tedot hatte leuchtende Augen bekommen angesichts all der Verlockungen, die auf ihn zu warten schienen.
„Wir jagen nur soviel, wie wir zum Leben brauchen und wie uns die große Erdmutter Tara schenkt. Dafür bedarf es keiner neuen, modernen Waffen. Und wir fangen so viel Fisch, wie wir essen können und wie uns das Meer schenkt. Dazu bedarf es keiner stolzen, mächtigen Schiffe. Du willst hinaus in die Welt, Neues entdecken? Entdecke zuerst die Insel, auf der du geboren wurdest, mit all ihren Geheimnissen, die sich dir erst dann erschließen, wenn du es gelernt hast, mit dem Herzen zu sehen. Wenn Menschen etwas Neues um seiner selbst willen entdecken, dann mag es gut sein. Aber damit begnügt sich der Mensch selten, bald geht es um mehr, der Mensch will besitzen und bevor er sich auch nur bemüht hat, den wahren Zauber des Neuen mit dem Herzen zu begreifen, hat er bereits dessen Seele getötet. Ich werde unserem Häuptling davon abraten, mit den Spaniern zu verhandeln.“ Idaira war erschöpft, aber das galt nur für ihren Körper. Ihr Geist war hellwach und klar.
Tedots Gesicht verzerrte sich plötzlich zu einer hässlichen Fratze, gerötet von Zorn: „Du bist ein böser Dämon!“, rief er wütend. „Ich hätte es wissen müssen. Deine Zeit und die deiner dummen Geister und Ahnen ist endgültig vorbei. Jetzt kommt endlich etwas Neues und Großes. Leute wie du werden nicht mehr gebraucht. Ich hätte dich gleich töten sollen.“ In diesem Moment erhob Tedot seine Lanze gegen Idaira, die alte Heilfrau und Seherin.
Aber Idaira war darauf vorbereitet. Sofort hob auch sie ihre rechte Hand, bereit, den Stein, den sie die ganze Zeit über gehalten hatte, gegen den Verräter Tedot zu schleudern. Es war ein Stein gegen das Vergessen, einer jener Steine, in denen die Geschichte ihrer Ahnen geschrieben stand - der aber auch töten konnte. Als Tedot ihre Entschlossenheit sah, wandte er sich ab und rannte davon.

Tedot sollte auf tragische Weise Recht behalten: Sehr bald schon brach eine neue Zeit an. Kurz nachdem Tedot Idaira im Lorbeerwald aufgelauert hatte, kam es im Flussbett des Taburiente zu einer letzten großen Schlacht, bei der die Krieger der Guanchen verzweifelt versuchten, ihre Freiheit gegen eine unbesiegbare Übermacht der Spanier zu verteidigen. Sie wurden von den Truppen jenes Generals Alonso Fernández de Lugo besiegt. Viele von ihnen wurden getötet oder als Sklaven verkauft. Diejenigen, die übrig geblieben waren, mussten sich den neuen Herren der Insel unterwerfen, die von nun an La Palma genannt wurde.

Idairas Seele jedoch lebt noch heute im Lorbeerwald bei La Zarza, in Gestalt einer mächtigen Baumwurzel, die auf einem bemoosten Felsen thront. In der rechten Hand hält sie noch immer den Stein, den sie gegen Tedot erhoben hatte – den Stein gegen das Vergessen.

(Textauszug aus: La Palmas verborgene Gesichter, Kassel 2008, S. 78 ff.)

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